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Wie ich Shir Kuh auf 4055 Metern Höhe bei -20°C bestieg

Die folgende Geschichte wollte ich schon ewig aufschreiben. Falls ihr mich fragen würdet, was meine liebsten Aktiviäten auf meiner sechsmonatigen Reise durch Asien waren, dann wäre das meine Antwort:

#3: mit dem Boot durch Halong Bay fahren.
#2: eine mehrtägige Fahrradtour entlang der Ostküste Taiwans.
#1: Shir Kuh im Iran besteigen und in einem Schneesturm wieder herunter kommen.

Warum die Wanderung mein absoluter Favorit war? Zu allererst, weil es ein Paradebeispiel für iranische Gastfreundschaft war, bei dem ein „Unbekannter“ mich einfach so zu einer gemeinsamen Wanderung eingeladen hat und, noch krasser, mir einfach mal die komplette Ausrüstung zur Verfügung gestellt hat. Zweitens, weil es einfach eine geistig sehr herausfordernde und bereichernde Erfahrung war. Drittens, weil die ganze Sache doch einfach nur total verrückt ist! 😄

Während der Zusammenstellung des Artikels ist mir aufgefallen, dass manche Leute die Schwierigkeit des Wanderweges mit „medium“ angaben. Da muss ich gleich mal vorweg greifen: Das gilt nur in der Sommersaison. Im Winter kann ich die Route nur für erfahrende (und gut ausgestattete) Wanderer empfehlen.

* * *

Wir befinden uns im Januar 2017. Ich reise gerade durch den Norden des Irans, als mich ein Couchsurfer aus Yazd über meinen Public Request einlädt, zusammen den höhsten Berg in der Provinz Yazd zu erklimmen. Ich habe nicht viele Fragen gestellt. Mir war klar, dass ich das machen wollte, und das alle Probleme, die dadurch aufkommen sollten, irgendwie lösbar sein werden.

„Ich habe weder passendes Schuhwerk noch warme Kleidung oder gar einen Schlafsack bei mir, aber ich würde wirklich liebend gerne mitgehen!“, erklärte ich ihm. – „Keine Sorge, wir werden passende Schuhe für dich finden und ich habe ein paar warme Klamotten sowie einen Schlafsack für dich. Du wirst Shir Kuh kennen lernen!“, antwortete er optimistisch.

Shir Kuh (Persisch: شيركوه ) bedeutet der Löwen-Berg. Sein höchster Punkt befindet sich 4055 Meter über NN. Die Wanderungen starten für gewöhnlich im Dorf Deh Bala, 40km von Yazd entfernt, auf 2580 Metern Höhe und dauern etwa 6-7 Stunden.

Zu der beschriebenen Jahreszeit war es tagsüber etwa 10°C in Yazd, also dementsprechend kälter in den Bergen. Obwohl Shir Kuh mitten in einem der trockensten Gebiete des Irans liegt (umgeben von Wüste), ist die Bergspitze gerne von Schnee bedeckt (besonders im Winter).

Der unterste (leichteste) teil der Wanderung mit einer tollen Aussicht.

Die Vorbereitungen für eine Wanderung im Winter. [1216m ü. NN]

Ich traf Mehdi*, meinen Wandergefährten, einen Tag vor der geplanten Wanderung. Er ist ein freiberuflicher Englischlehrer, Anfang 30, und wohnt gemeinsam mit seiner Frau in einer großen, luxuriösen Wohnung in Yazd.

Unser Plan sieht vor, gegen 12:00 Uhr mit dem Taxi von Yazd nach Deh Bala zu fahren, von wo aus wir die Wanderung starteten. Den Gipfel sollten wir dann gegen 18:30 Uhr erreichen und dort die Nacht in einer Berghütte verbringen. Nach dem Sonnenaufgang am nächsten Morgen geht es dann auf dem selben Weg zurück ins Tal, wo unserer Taxifahrer um 12 Uhr bereits auf uns warten wird.

Am Abend vor dem großen Aufbruch leiht Mehdi für mich Wanderschuhe in einem Outdoorladen aus und wir kaufen Essen für die Wanderung ein. Am nächsten Morgen packen wir dann den Rest.

Was wir eingepackt haben?

  • ich trage: Hose, langärmeliges Oberteil, Thermo-Strumpfhose
  • für den unteren Teil des Weges: Windbreaker und Baseball-Cap
  • für den oberen Teil über 3500 Metern: Fleecejacke, wärmere Regenjacke, Mütze, 2 Schals, Handschuhe, Gamaschen für Schnee
  • Wanderschuhe, Wanderstöcke
  • 3 Paar Socken (2x Trekking-Socken, 1x Wollsocken für die Nacht)
  • Zelt, Schlafsack, Isomatte
  • Stirnlampe
  • Essen und Trinken (wiederbefüllbare Flasche)
  • Sonnencreme (hatte ich vergessen und hinterher Sonnenbrand!)
  • Kamera

Es war nicht mein erster Viertausender, aber der erste komplett ohne Vorbereitungen.

Ich bin schon mal auf über 4000 Meter hoch gewandert, im Sommer 2014, als wir in Nepal unterwegs waren. Allerdings waren damals die Bedingungen nicht so extrem. Ich brauchte weder Winterkleidung noch Verpflegung, mal ganz abgesehen von einem Zelt… In den vorherigen vier Monaten war ich zwar viel im Freien, während ich durch Südostasien und Taiwan reiste, aber ich habe nichts zu Anstrengendes gemacht (bis auf meine längere Fahrradtour entlang der Taiwanesischen Küste). Auch mein letzter Besuch im Fitnessstudio war bereits einige Monate her. Man könnte also ohne Weiteres sagen, dass ich total aus der Übung war und ich es mir zudem in Restaurants hatte zu gut gehen lassen. Das einzige, was ich hatte, war meine optimistische Denkweise, dass ich das schaffen kann. Und wenn ich mir erst einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, dann erreiche ich auch normalerweise mein Ziel.

Das einzige, was ich hatte, war mein starker Wille: „Ich will das und ich kann das!“

Blick auf den zweithöchsten Berg in der Provinz Yazd.

Der Start der Wanderung von Deh Bala [2580m ü. NN]

Der Beginn des Wanderweges war einfach zu meistern, dazu gab es sehr angenehmes, warmes Wetter. Schon bald konnten wir unsere ersten tollen Ausblicke über das Tal gewinnen und auf den zweithöchsten Berg der Provinz blicken. Die Gesteinsformationen über unseren Köpfen erinnerten mich an den Ayers Rock in Australien. Genauso muss es dort wohl auch aussehen: keine Vegetation, nur karge, rötliche Felsen.

Genau unterhalb des „Ayers Rock“ verwandelte sich der Pfad in ein Felsenmeer. Der Weg war gar nicht mehr richtig zu erkennen, viel mehr kletterten wir über oder rutschten die großen Steine hinunter. Ich fing schon an mich zu sorgen, wie wir da wohl morgen auf dem Rückweg wieder drüber kämen. (Ich bevorzuge auf jeden Fall den Aufstieg eines Berges über den Abstieg.) Mehdi dagegen schienen die riesigen Felse nichts auszumachen. Gekonnt überwand er alle Hindernisse im Nu. Er war wirklich ein sehr guter Wanderführer. Von unten hatte es noch so ausgesehen, als sei der „Ayers Rock“ der höchste Punkt des Massivs gewesen, aber in den Bergen gibt es ja immer Überraschungen. Nach der nächste Kurve spiegelte sich schnell ein ganz anderes Bild.

Denn vielmehr näherten wir uns der steilsten Etappe der kompletten Wanderung, darunter 300 Meter Höhenunterschied auf nur 500 Metern Pfad. Wir legten eine kurze Pause ein, um unsere Wasserflasche an einer Quelle zu aufzufüllen und wurden auf ein Stückchen Schokolade und eine frische Orange von anderen Wandernden, die gerade auf dem Rückweg waren, eingeladen. Danach begaben wir uns auf den kurvigen, steilen Pfad.

An dieser Stelle ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, euch zu mitzuteilen, dass die Instandhaltung der Pfade und Hütten einzig und allein von iranischen Wanderfreunden durchgeführt wird. Der iranische Staat selber hat (vielleicht aus wirtschaftlichen Gründen) kein Interesse an Investitionen in die Natur oder den Naturschutz.

Nachdem wir die steilste Passage gemeistert hatten, erreichten die erst von zwei Berghütten auf 3500 Metern Höhe. Die Hütte bietet mehrere Räume bzw. Container zum Schlafen sowie eine Wasserquelle. Da es bereits 17:00 Uhr war und der Tag sich langsam dem Ende neigte, musste wir eine Entscheidung treffen. Sollten wir es für heute gut sein lassen oder sollten wir versuchen, den Gipfel zu erreichen, selbst wenn das bedeutet, dass wir in der Dunkelheit gehen müssten? Und wenn wir beschlössen hier zu bleiben, würden wir dann morgen zum Gipfel gehen oder direkt von hier umkehren? (Da unser Taxifahrer uns allerdings bereits um 12 Uhr unten erwartete, erschien es unmöglich, noch erst zur Bergspitze zu gehen.)

Sollten wir unseren Plan, den Gipfel von Shir Kuh zu erreichen, aufgeben oder würden wir die Tatsache akzeptieren, dass wir in der Dunkelheit laufen müssten?

Ich habe doch nicht alle Anstrengungen hinter mich gebracht, um jetzt aufzugeben. Nein, ich war entschlossen, es zur Spitze zu schaffen. Ausgerüstet mit meiner Stirnlampe schaute ich unserem Abenteuer freudig entgegen.

Das Erreichen der Schneegrenze [3500m ü. NN]

Wir machten nochmal eine kurze Pause, um uns auf den nächste Etappe vorzubereiten. Das hieß nichts anderes, als das wir von Sommer- zu Winter-Outfit wechselten (in meinem Fall 2 Jacken, 2 Schals, eine Mütze und Handschuhe). Das umliegende Geläde war mit weißen Flecken geschmückt und sah eher flach aus. Mehdi meinte, dass es vom Gehen herab jetzt nicht mehr allzu schwer sein würde. Das war auch der Fall, bis wir immer tiefer und tiefer in die unscheinbar aussehenden, weißen Stellen sackten. Mist, von weitem sah der Schnee doch gar nicht so viel aus. Aber gut, dass wir unsere Gamaschen dabei hatten.

Der Schnee verlangsamte unser Vorankommen erheblich. Darüber hinaus, waren wir jetzt auch schon für einige Zeit unterwegs – ohne was größeres zu essen (außer den kleinen Essensgeschenken vor der kleinen Passage und einer Dattel hier und da). Wir wurden so schwach, dass wir alle 5 Minuten eine Pause einlegen mussten, um wieder zu Kräften zu kommen. Dabei war es angesichts der Kälte nicht möglich sich hinzusetzen (oder unsere Hinterteile wären nass geworden) und auch nicht zu essen (ohne das uns die Hände erfroren wären). Also gingen wir weiter, Schritt für Schritt.

Wir waren bestimmt schon 2 Stunden durch die Dunkelheit geirrt, als wir plötzlich vor einem Abgrund standen. Jetzt war es also sicher: Wir hatten uns verlaufen. Der Schnee hatte den Weg verschwinden lassen und auch keiner der dünn-gesäten roten Stäbe, die den Weg markierten, war in weiter Sicht. „Die Antenne [=der Gipfel] muss auf der anderen Seite des Abgrundes liegen“, verkündete Mehdi. Also wanderten wir entlang des Abgrundes, bis wir eine Stelle fanden, an der wir die Seite wechseln konnten. Die Steigung flachte schließlich ab und wir konnten auf die andere Seite übersetzen.

Wir folgten dem Hang aufwärts, was uns hoffenlich zum höchsten Punkt des Berges führen würde. Weitere 30 Minuten gingen vorrüber, in denen der kalte Wind uns ins Gesicht peitschte, aber kein weiteres Indiz dafür, ob wir wieder auf dem richtigen Weg waren. Wir konnten unsere Verzweiflung nicht mehr im Zaum halten. Wir waren verloren, erschöpft, hungrig und ausgefroren. Wir ließen uns in den Schnee fallen und Mehdi krammte eine Tüte Chips aus seinem Rucksack. Normalerweise bin ich überhaupt kein Fan von fettigen Chips, aber an diesem Tag, in einer Höhe von fast 4000 Metern und einer Außentemperatur von -20°C, muss ich zugeben, dass die Chips wie ein Lebensretter für mich waren und mir förmlich im Mund zergingen. Als wir aufstanden, war Mehdi sich sicher, dass wir uns kurz vorm Ziel, der zweiten Hütte, befanden. Mit neuer Kraft und neuem Mut zogen wir los.

Aufgrund der mangelnden Bilder auf dem Weg nach oben, hier ein gestelltes Bild von mir, wie ich den Berg hochlaufe… 😉

Auf dem Gipfel von Shir Kuh im Winter. [4055m ü. NN]

Kurz nach unserer Pause entdeckten wir die Lichter einer Stadt tief unten im Tal und bogen nach links ab. Ab hier kannte Mehdi die Strecke wieder. Es war noch ein guter Kilometer bis zum Ziel. Der Untergrund veränderte sich von tiefem Schnee zu vereist und steinig. Erst auf den letzten hundert Meter erblickten wir die Antenne, die den höchsten Punkt des Shir Kuh markierte und nach der wir die ganze Zeit sehnlichst Ausschau gehalten hatten. Es war 20 Uhr, als wir den Gipfel auf 4055 Metern erreichten. Wir hatten es geschafft – jippie yeah! Wir haben einen der zehn höchsten Berge im Iran erklommen. Ich schaute runter zu den Lichtern im Tal und malte mir aus, welch erhabenen Ausblick wir von hier oben wohl am nächsten Morgen haben würden.

Am Fuße des Antennenmasts stand eine kleine Hütte, die unser Unterschlupf für die Nacht war. Die Hütte hatten einen größeren Raum mit max. 15m² und einem kleinen Eingangsbereich (der dafür sorgte, dass der Schnee nicht in den großen Raum kam). Sie war sehr schlicht gehalten: Betonwände ohne Dämmung, ein winziges Fenster und der Boden mit Teppichen ausgelegt. (Ein Bild vom Gipfel könnt ihr z.B. hier finden.) Aufgrund der klirrenden Kälte stellten wir das Zelt in der Hütte selbst auf, um uns doppelt gegen den Wind zu schützen. Wir zogen die äußere Jacke aus, tauschten unsere nassen Trekkingsocken gegen Wollsocken, hingen eine Lampe an die Zeltdecke und mummelten uns in unseren Schlafsack. Die Zeit für unser wohl-verdientes Abendessen war endlich gekommen. Zur Auswahl standen gekochte Kartoffeln und Zwiebeln, eine ganze Tomate sowie iranisches Brot mit Thunfisch und Mais.

Nachdem wir gesättigt waren, war es Zeit zum Schlafengehen. Naja, schlafen ist das falsche Wort. Bei Temperaturen um die minus 20 Grad (drinnen wie draußen) fällt das Einschlafen sehr schwer. Ich nahm mein Handy, um meinen Freund zuhause eine kurze Nachricht zu senden, dass wir gut oben angekommen sind, als dieses mir mitteilte, dass es jetzt wegen zu großer Kälte herunterfährt. Wir zogen die Schlafsäcke ganz über unseren Kopf um die wertvolle Wärme unseres Atmens im Schlafsack zu behalten. Draußen toste ein starker Wind, der uns kalte Luft durch die Reisverschlüsse in unsere Schlafsäcke schickte. Die ganze Nacht über wälzten wir uns auf dem harten Boden hin und her, mehr ausruhend als schlafend.

Der nächste Morgen im Schneesturm. [4055m ü. NN]

Am nächsten Morgen standen wir gegen 7 Uhr auf, bauten das Zelt ab, packten unsere Sachen und zogen uns warm an. Es war zu kalt und zu früh um zu essen, also beschlossen wir auf der unteren Hütte in 3500 Metern zu frühstücken. Um 7.30 Uhr machten wir uns auf den Weg ins Tal. Ich freute mich schon auf die Belohnung für als unsere Strapazen (einen tollen Blick ins Tal), doch als wir die Tür öffneten, blies uns ein kalter, nasser Schneesturm ins Gesicht, der jedwede Sicht blockierte. Darüber hinaus war alles mit Schnee bedeckt und unsere Spuren vom Vortrag für immer unter dem Schnee begraben. Knietief kämpften wir unseren Weg durch das weiße Wunderland.

Nach der Abbiegung trafen wir auf eine Gruppe älterer Iraner, die die Nacht auf 3500 Metern verbracht hatten und gerade auf dem Weg zur Spitze waren. Als sie erfuhren, dass wir oben genächtigt hatten, erklärten sie uns für verrückt (angesichts der Witterung zu Recht).

In nur anderthalb Stunden (verglichen zu unserer dreistündigen Odyssee in der vorigen Nacht) erreichten wir die untere Hütte. Gestern noch war hier alles grün gewesen, aber jetzt war selbst diese Hütte mit Schnee bedeckt. Die Unterkunft hier war deutlich größer als die andere, sie bot gar mehrere Räume (angeblich für bis zu 100 Leute). Unser Frühstück nahmen wir drinnen ein. Es war noch ein bisschen Brot mit Thunfisch und Mais übrig geblieben und ansonsten gab es getrockneten Käse und Datteln.

Der Blick ins Tal von einer ähnlichen Stelle wie gestern. Ihr könnt die Veränderung selbst sehen!

Manchmal gibt es keinen anderen Weg als vorwärts zu gehen. [3500m ü. NN]

Danach war es Zeit die steilste Stelle des Berges zu bezwingen, die meine größte Herausforderung der ganzen Wanderung werden sollte. Auch der enge, kurvige Pfad war über Nacht völlig vereist. Ein falscher Schritt und ich könnte mich ein paar (hunderte) Meter tiefer wiederfinden oder andersweitig verletzen, so rutschig war es.

„Und wenn ich mir erst einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, hilft mir das Universum dabei, meine Ziele zu erreichen“, hatte ich zu Beginn noch geschrieben.

Ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffe, dass ich an dieser Stelle scheitere. Meine Gedanken schweiften zu meinem Freund zu Hause, der mir immer wieder ans Herz gelegt hatte, nichts Leichtsinniges anzustellen, mich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Ich stellte mir vor, wie ohnmächtig er Zuhause im Bett säße, wenn sie ihm erzählten, dass ich weit, weit weg in einem Krankenhaus läge, in dem er mich nicht besuchen kann, und wie viel Schmerz er ertragen müsste, einfach nur weil die Ärzte ihn nicht oft genug über meinen aktuellen Gesundheitszustand informieren würden.

Mehdi ermutigte mich und zeigte mir einen Trick: Ich solle mein Körpergewicht nach hinten auf meine Fersen verlagern und die Fersen fest in den Boden drücken. Einen Fuß nach dem anderen bewegte ich mich langsam und auf wackligen Beinen vorwärts – bei jedem Schritt Angst for dem Fall. Die Gefahr verzögerte den Abstieg deutlich, eher zum Unmut von Mehdi, der mir immer einige Schritte voraus war. Der Taxifahrer wartete püntklich um 12 Uhr auf unsere Rückkehr aund Mehdi missfiel es, dass er auf uns warten musste. Das tat mir natürlich sehr leid, aber meine Beine wollten einfach nicht schneller.

Es dauerte eine Zeit bis ich anfing, wieder in auf meine eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und selbstbewusst den steilen Weg herunterstieg. „Jetzt hast du den Trick raus, oder? Du wirst schneller“, teilte mir Mehdi mit, wenn ich auch immer noch weit hinter ihm war.

In der steilen Passage trafen wir auf andere Wanderer, die in den frühen Morgenstunden von Deh Bala aus aufgebrochen waren, um den Gipfel zu erreichen und am gleichen Tag zurückzukehren. Darunter war auch eine größere Gruppe iranischer Männer und Frauen**, die total fasziniert davon waren, das ich – der Neuling – es bis hierher geschafft hatte (Shir Kuh in solch einem Wetter zu hinauf und hinab zu steigen) und lobten mich für meine Tapferkeit.

**Ich war übrigens sehr überrascht, nur so wenige Frauen in den Bergen zu sehen. Der Sport wird im Iran eher von Männern betrieben (oder Ehemann und Ehefrau).

Langsam hatte ich den Dreh raus. Bis wir den felsigen Abschnitt (das „Felsenmeer“) erreichten, über das ich am Vortag noch so besorgt war, war ich so „erfahren“ oder sicher auf meinen Füßen, dass es kein größeres Problem mehr für mich darstelle, über die Felsen zu klettern.

Am Ende der Felspassage lief uns dann auch schön fröhlich lächelnd unser Taxifahrer entgegen, der gerne ein bisschen Sport treiben wollte, anstatt einfach im Auto auf uns zu warten. Er lief im T-Shirt herum, während wir noch dick eingepackt mit Mütze und Schal daherkamen. Gemeinsam begaben wir uns auf dem letzten (und einfachsten) Abschnitt. Der Taxifahrer erfreute uns dabei mit iranischen Liedern, die er abwechselnd sang mal pfiff. Gegen 13 Uhr erreichten wir Deh Bala sicher und gesund.

Die steilste Stelle der Wanderung. Und ich hab sie fast geschafft!

Geschafft. Was für eine prägende Erfahrung!

Die darauffolgende Nacht würde ich 10½ Stunden schlafen, so ausgepowert war ich. Insgesamt hatten wir mehr als 21 Kilometer zu Fuß und einen Höhenunterschied von 1500 Metern zurückgelegt. Mehdi war sehr stolz auf mich und erzählte mir mehrfach:

„Du bist so ein starkes Mädchen! Keiner kann das beim ersten Mal schaffen! Besonders im Winter. 😯“

Am Ende hatte ich keinen herrlichen Ausblick über die Gegend, was normalerweise meine größte Motivation ist, einen Berg zu besteigen oder wandern zu gehen (ihr werdet sicher schon gemerkt haben, dass es diesmal relativ wenige Bilder gibt). Trotzdem war diese Erfahrung einer der besten (wenn nicht die beste) meines Lebens. Das nicht wissen, wo es hingeht aber folge deiner Leidenschaft, überwinde Hindernisse, tobe dich aus… Noch nie zuvor bin ich so hoch in nur einem Tag geklettert, habe ich so kalte Temperaturen erlebt, bin ich einen Berg auf vereistem Weg hinabgestiegen oder habe mein Schicksal so massiv in die Hände von anderen gelegt.

Die Wanderung war eine prägende Erfahrung für mich. Zum einen, dass ich erreichen kann, was ich mir in den Kopf setze. Dass man nur den Glauben an sich selbst haben muss. Zum anderen, dass es manchmal gut ist, nicht zu viele Fragen zu stellen und das Leben auf sich zukommen lässt. Denn nach jeder Hürde, die man meistert, fühlt man sich stärker.

Die lebhaften Erinnerungen dieser phänomenalen Wanderung zu Beginn dieses Jahres sind immer noch sehr präsent in meinem Kopf. So präsent, dass ich sie endlich mal niederschreiben musste. Besonders vor dem Hintergrund, dass es diese Woche auf eine weitere, abenteuerliche mehrtägige Wanderung in den Balkan geht. (Ihr könnt euch vorstellen, wie sehr meine Augen gerade leuchten.) Der Weg wird mich und meine Begleitung entlang des „Peaks of the Balkans“ (die Gipfel des Balkans) vom Kosovo nach Albanien führen. Abenteuerlich wird es deswegen werden, weil der Wanderweg noch sehr unbekannt und auch eher schlecht beschildert ist.

Was immer Ihr in Eurem Leben macht, sorgt dafür, dass es Euch glücklich macht.

In diesem Sinne, alles Gute aus Stuttgart

PS: Erzählt mir doch gerne in den Kommentaren von eurem liebsten Abenteuer und was ihr daraus als Erfahrungen / an Lebensweisheiten mitgenommen habt. 🖋

*Ich weiß nicht, inwiefern das notwendig war, aber ich habe zur Sicherheit mal den Namen meines Wanderfreundes abgeändert.

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2 Comments

  • Reply
    Barbara
    4 Oktober 2017 at 23:12

    Wow, einfach wow! Ich hab deine Anspannung in der Situation direkt gespürt beim Lesen. Aber so bewundernswert, echt! Respekt!
    Meine Abenteuer sind bisher nicht so gefährlich gewesen. Aber dennoch mit Grenzgang für mich selbst. Bei mir war’s auch ein Berg, der mich wachsen hat lassen. Ich hatte früher mal eine Panikattacke in einer Kletterwand und bin dann Jahrelang nie mehr klettern gewesen. Aber ich wollte unbedingt mal auf den Gipfel vom Dachstein, und da kommt man eben nur über einen Klettersteig rauf. Also hab ich einen Bergfphrer gebucht, der mich mit einer unglaublichen Gelassenheit da rauf begleitet hat und mich nicht aufgeben lies. Ich war danach sicher fünf Zentimeter größer als zuvor. Heute gehört das Klettersteig-gehen übrigens zu meinen liebsten Hobbies 😉

    • Reply
      Korinna
      4 Oktober 2017 at 23:34

      Hey Barbara,
      das ist ja eine ganz tolle Geschichte davon, über seine Grenzen hinauszugehen. Hätte ich nicht gedacht, dass dir danach das Klettern wieder so einfach fällt. Ganz toll! 🙌

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