Calgary – eine grüne Stadt?

Ich bin hier, ich bin in Kanada, in dem Land, in dem ich schon immer einmal leben wollte und zu dem ich schon als Teenager gesagt habe, dass ich dorthin mal auswandern werde, wenn ich größer bin. Mein Umfeld hat mir daraufhin geantwortet, dass ich das doch gar nicht genau wissen kann, wenn ich noch nie dort gelebt habe. Also, hier bin ich und hier werde ich auf jeden Fall die nächsten 5 Monate sein.

Nachdem ich bereits 2015 für zwei Wochen im Osten Kanadas unterwegs war (in Quebec und Ontario), ist dieses Mal der Westen angesagt. In einem Land wie Kanada, welches nach Russland das zweitgrößte Land der Welt darstellt, scheint es schier unmöglich, das ganze Land an einem Stück zu bereisen. Aus diesem Grund möchte ich mich in den kommenden Monaten nur auf einen kleineren Teil konzentrieren und diesen ausführlich erkunden.

Quick Fact: Obwohl Kanada das zweitgrößte Land der Welt ist, leben hier in 2019 nur rund 37 Millionen Menschen.

 

Ankommen in Calgary

Vergangenes Wochenende sind Mr. Explorer und ich in Calgary, Alberta 🇨🇦 gelandet. Während ich hier ein Auslandssemester absolviere, bleibt Mr. Explorer nur für drei Wochen. Zwei davon verbringen wir gemeinsam mit der Familie seines Bruders.

Bisher bin ich gedanklich noch nicht ganz im „Land der Träume und Sehnsüchte“ angekommen. Die Dimensionen des Landes, selbst die der Provinz Alberta, und die damit verbundene unendliche Weite sind kaum greifbar; die Größe der Durchschnitts-Autos / Pick-Ups kaum fassbar (wieso denn die nötig sind); und auch der schlecht ausgebaute Nahverkehr in einer 1,2 Mio. Einwohner Stadt wie Calgary kaum erklärlich.

Im Stadtteil Sherwood, in dem wir derzeit nächtigen, wird den Autos selbst optisch Vorrang gewährt: Die Doppelgarage ist vorgelagert, während die Haustür versteckt an einer der Hausseiten liegt. Die Zufahrt zur Garage / zum Haus ist betoniert und bietet flächenmäßig Raum für zwei weitere Fahrzeuge, die keinen Platz mehr in der Doppelgarage finden. Garage und Zufahrt nehmen fast die gesamte Breite der Hausfront ein. Viel Platz für einen Vorgarten bleibt also nicht.

Auf den ersten Blick erscheint Calgary kaum wie eine Großstadt. Außer den fast 60 Hochhäusern (Höhe > 100 Meter) in der Innenstadt ist der Rest der Stadt flach mit Familienhäusern um die 2-3 Stockwerke. Das zeigt sich auch in der Bevölkerungsdichte, die mit 1.5000 Einw./km² halb so dicht ist wie in Stuttgart (bei doppelter Einwohnerzahl). Auch die Topografie ist recht flach, obwohl es kleinere Hügel hier und da gibt (max. Höhenunterschied: 200 Meter).

Im Gegensatz zu deutschen Städten ähneln sich die Häuser innerhalb eines Stadtteils sehr als wären sie aus dem gleichen Katalog bestellt. Laut Aussagen des Bruders musste gesetzlich festgelegt werden, dass kein Haus wie das andere aussehen darf. Daher hat jedes seine eigene kleine Variationen angebracht (in der Anordung der Fenster, der Wandfarbe oder mithilfe eines Erkers).

Girl on a park bench overlooking a green city with skyline of Calgary

Die Skyline von Calgarys Downtown: Das sind die einzigen hohen Häuser in der Stadt.

 

Umweltschutz: Ist Calgary so eine grüne Stadt wie sie auf den ersten Blick scheint?

Obwohl ich mir Kanada mit seiner einladenden Natur wie ein Ökoparadies vorgestellt habe, sieht die Realität ganz anders aus. Vieles erinnert an die USA. Kanada stand 2017 auf dem 10. Platz der größten Umweltsünder (gemessen an den CO2-Emissionen) nach den USA auf Platz 2 und Deutschland auf Platz 6. Bis Trudeau Premierminister wurde, stand auch in diesem Land Umweltschutz und Klimawandel nicht hoch auf der Agenda.

Wenn Du durch die Stadt schlenderst oder fährst, findest Du Grünflächen zum Entspannen gefühlt um jede Ecke. Das ist für mich ein großer Pluspunkt, wenn ich eine Stadt besuche. Zum Umweltschutz zählt jedoch mehr als nur die Erhaltung von Parks. So sehr mir die große Auswahl an Erholungsplätzen auch zusagte, trifft mich das aktuell vorherrschende Umweltbewusstsein in Calgary doch mehr als gedacht.

In den letzten Jahren habe ich mich immer mehr mit den Themen Umweltschutz und Klimawandel beschäftigt. Deshalb möchte ich nun meine Gedanken zum aktuellen Stand in Calgary hier niederschreiben. Die Liste ist nicht vollständig und möchte einzelne, persönliche Erfahrungen widerspiegeln. Vielleicht könnt Ihr Euch selbst mit diesen identifizieren (in Calgary, in anderen kanadischen Städten oder auch in Städten in anderen Ländern). Die Stadt Calgary darf diese Auflistung gerne als eine Einladung für Verbesserungen verstehen. 🙂

 

The Peace Bridge in Calgary, Alberta, with skyline in the background

Die Friedensbrücke in Calgary

 

Umweltschädliches Verhalten in Calgary

  • Als Erstes sind die großen und Sprit-verschwenderischen Autos und Pick-Ups zu erwähnen, die hier die Mehrheit auf den Straßen abbilden. Ich frage mich dann immer, ob man so viel Leistung (PS) jeden Tag braucht oder es auch ausreicht, sich gelegentlich für größere Transporte ein Auto auszuleihen? Auf lange Sicht ist der Kraftstoff einfach zu billig in Nordamerika, dass sich dies ändern wird. (Heute haben wir 0,98 CAD für 1 Liter Benzin gezahlt, das sind weniger als 0,70 € pro Liter!!)
  • Auch zu meinem Unmut beigetragen hat die die Essensausgabe im Food Court des CORE Shoppingcenters. Hier wird nur Einweggeschirr angeboten (Pappteller/-boxen und Plastikbesteck), egal ob jemand takeaway oder zum Vor-Ort-Essen bestellt.
  • In der durchschnittlichen Dusche kann nicht eingestellt werden, wie viel Wasser aus dem Duschkopf kommt. In der Regel gibt es nur eine Einstellung, wie warm das Wasser sein soll. Dies resultiert in unnötig verschwendetem Wasser.
  • Vorgärten sind praktisch nicht vorhanden sondern werden als betonierte Parkplätze für ebendiese benutzt. Der wenige Platz zum Nachbarhaus ist in Sherwood oft mit einer Kieselsteinwüste gefüllt (was auch in Deutschland mittlerweile modern geworden ist) oder vielleicht noch mit einer kleinen Rasenfläche. Wilde Blumen und Pflanzen fehl am Platz. (Adé Biodiversität!)
  • Hinzu kommt der schlecht ausgebaute Nahverkehr. Fahren die Busse unter der Woche noch in regelmäßigen Abständen, sind die Abfahrtszeiten besonders am Wochenende nicht mehr aufeinander abgestimmt. Es klaffen lange Wartelücken.
  • Supermärkte und Restaurants sind in den Vororten in ein Gewerbegebiet ausgelagert, so dass man fast gezwungen ist, das Auto zu nutzen.
Green park in a city with a couple watching the skyline of Calgary

Calgarys beliebtester Park: Der Prince’s Island Park

 

Calgary – eine grüne Stadt? Umweltfreundliches Verhalten in Calgary

 

Das waren meine Gedanken zum Umweltschutz in Calgary. Ich möchte an dieser Stelle nicht sagen, dass die Lage in Deutschland besser aussieht. Viel zu wenige Städte beschäftigen sich aktuell mit der bevorstehenden Klimakrise.

Die negativen Beispiele erinnern mich zudem sehr an das Leben auf dem Land in Deutschland. Dabei finde ich es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass wir in Calgary von einer Stadt reden. Besonders Städte haben das Potential in puncto Nahverkehr und Mehrwegbecher klimafreundliche Ansätze zu bieten und Regeln aufzustellen.

Sicherlich gibt es auch in Calgary umweltbewusste Menschen, die bereits im Kleinen ihren Beitrag leisten. Doch ich würde mir wünschen, dass auch die Politik einschreitet und u.a. strengere Richtlinien für die Industrie einführt.

Was denkst Du: Brauchen wir ein größeres Umweltbewusstsein in Städten? Wie hälst Du es mit dem Umweltschutz? In welchen Ländern hat Dich der der aktuelle Zustand besonders schockiert?

 

 

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